SWIFT nach Testprojekt: Blockchain ist eine Sackgasse

Sobald klassische Banken und Finanzdienstleister mit Blockchain auch nur in einem Satz genannt werden, ist die Blockchain-Community meist ganz aus dem Häuschen. Das ist bei der Ergebnisvorstellung des Blockchain-Experiments des Zahlungsdienstleisters SWIFT ganz anders: Denn im Ergebnis ist die Blockchain hier krachend gescheitert.

Unter dem Name Nostro Proof of Concept (POC) hatte SWIFT eines der größten Testprojekt überhaupt gestartet an dem sich 34 Großbanken beteiligten. Die Kosten dürften im mittleren zweistelligen Millionenbereich gelegen haben. Und genau hier wurde jetzt der Stecker gezogen. Dabei war Nostro eigentlich die perfekte Anwendung um von der Blockchain zu profitieren.

Worum ging es?
Wenn ein deutsches Unternehmen Produkte ins (fernere) Ausland, zum Beispiel auf die Philipinen, exportiert, wird oftmals ein Bankkonto im Ausland benötigt. Typischerweise wendet sich das deutsche Unternehmen dann an seine Bank die wiederum den Kontakt zu einer philippinischen Bank sucht. Dabei hat das deutsche Unternehmen natürlich wenig Interesse eine eigene Geschäftsbeziehung zur philipinischen Bank aufzubauen und die Deutsche Hausbank will auch kein Geschäft mit dem Unternehmen abgeben.

Hier kommen „Korrespondenzbanken“ in Spiel.
Die Hausbank wird – nach ausführlicher Prüfung – eine Partnerschaft mit einer Bank auf den Philippinen eingehen und der deutsche Hersteller kann dann auf die ausländische Bank wie auf eine Filiale seiner Hausbank zugreifen. Natürlich mit einigen Limitierungen und Extra-Gebühren. Und die Hausbank kann mit dieser Geschäftsbeziehung dann auch andere Unternehmen ansprechen, die Importe und Exporte auf die Philiponen haben.

Um das alles abzuwickeln unterhält die deutsche Hausbank ein Bankkonto bei der philipinischen Bank, das „Nostro“ (für „unser“) Konto genannt wird. Dabei wird die Hausbank über dieses eine Konto die ganzen Zahlungen für mehrere seiner Kunden abwickeln. Bei einer großen Bank können über so ein Konto Milliarden Euro pro Tag (!) transferiert werden. Bei solchen Summen ist natürlich eine extrem hohe Sorgfalt und Sicherheit notwendig, um Fehler oder auch eine schlichte Überziehung des Kontos zu vermeiden. Aus diesen Gründen sind die Kosten für solche Nostro-Accounts sehr hoch.

Vor dem Hintergrund dieser Anforderungen scheinen Nostro-Konten eigentlich das perfekte Anwendungsbeispiel für die Blockchain. Doch es hat nicht funktioniert – warum?`

Grund waren einige Anwendungsvoraussetzungen für eine Blockchain-Lösung, die im internationalen Banking schlichtweg nichtgegeben waren und auf absehbare Zeit auch nicht kommen werden.

1) Alle Nostro-Accounts-Services müssten auf Realtime-Liquiditäts-Reporting und Verarbeitung umstellen.
Das ist aktuell und absehbar nicht gegeben. Aktuell laufen gerade einmal 44% aller grenzüberschreitenden SWIFT-Zahlungen mit Echtzeitbestätigungen ab. Dazu müssten banken ihre gesamten Backoffice-Anwendungen auf Realtime-Betrieb umstellen.

2) Zu teuer und zu lahm.
Die Großbanken haben bereits Technologien entwickelt, die denen im Testprojekt überlegen sind. Insofern gibt es keinen Anreiz um auf Blockchain umzusteigen. Für kleinere Banken wäre auch die Blockchain-Lösung zu aufwändig.

3) Ein eineindeutige Identifizierung jedes jeden Eintrags ist entscheidend für jegliche Liquiditätssteuerung.
Ein Beispiel dafür sind Währungs- oder Wertpapiertransaktionen die über das Konto laufen und keine Zahlung enthalten. Das wiederum würde eine weitere Anpassung zusätzlicher Banksysteme sowie Zusatzkosten bedeuten.

Zusammenfassend steht im Abschlussbericht zum Nostro-Porjekt:
Selbst wenn man das Projekt umsetzen und in den Live-Betrieb nehmen würde, steht man vor dem Problem: Großbanken brauchen es nicht, denn sie haben bereits eigene Systeme, die mindestens gleiche Qualität liefern. Kleinere Banken brauchen es nicht, da bei ihnen die Realtimefunktionalität nicht so entscheidend ist. Jedes System in jeder angeschlossenen Bank, das irgendwie Zahlungen bewegt müsste „angefasst“, d.h. modifiziert, werden.

Weiterhin schreiben die Autoren des Abschlussberichts, dass nur mit einer Weiterentwicklung der Distributed Ledger Technologie solche großen Infrastruktur-Projekte möglich werden könnten.

Hinzu kommt ein weiteres, operationales Problem: Für die benötigten Privacy- und Konsensmechanismen im Distributed Ledger System müsste jede teilnehmende Partei einen dedizierten Kanal zu jeder anderen teilnehmenden Partei offenhalten. Bei 34 ausgewählten Banken waren 528 dedizierte Kanäle notwendig – beim Livebetrieb wären es über 100.000 Kanäle die definiert werden müssten.

Fazit:
Beim Masseneinsatz im Banking scheitert die Blockchaintechnologie an der Funktionalität bzw. Kompatibilität der Systeme, der Kosteneffizienz und der schlichten Machbarkeit aufgrund des riesigen Aufwandes und zeigt sich damit als Sackgasse.

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